Kreuzzüge: Mit Feuer und Schwert gegen die Heiden


Kreuzzüge: Mit Feuer und Schwert gegen die Heiden
Kreuzzüge: Mit Feuer und Schwert gegen die Heiden
 
Die Anfänge der Kreuzzugsbewegung
 
Nach den türkischen Eroberungen des 11. Jahrhunderts in Kleinasien war das Oströmische Reich in seinem Bestand gefährdet. Außerdem drohte der Pilgerweg nach Jerusalem abgeschnitten zu werden. Daher hatte bereits Gregor VII. 1074 geplant, unter seiner persönlichen Führung die heiligen Stätten zu erobern. Im Frühjahr 1095 erschien eine byzantinische Gesandtschaft in Piacenza, wo Urban II. ein Konzil abhielt, um Hilfe zu erbitten. Als der Papst anschließend zu einem weiteren Konzil nach Clermont reiste, sollte dieses nicht nur die Kirchenreform voranbringen, sondern auch einen Kreuzzug vorbereiten.
 
Bei der Eröffnung des Konzils von Clermont am 18. November 1095 waren 13 Erzbischöfe, 225 Bischöfe und 90 Äbte sowie zahlreiche niedrige Kleriker anwesend; außerdem soll eine ungeheure Menge von Laien teilgenommen haben. Obwohl kein Bischof aus dem Reich und aus England vertreten war, war dies die bis dahin größte abendländische Kirchenversammlung. Am 27. November hielt Urban eine Predigt, in der er mit bewegenden Worten die Lage der Christen im Orient und die Unterjochung der Heiligen Stadt Jerusalem schilderte. Als Ziel des Kreuzzugs wurde die Befreiung der orientalischen Christen und der heiligen Stätten in Jerusalem genannt. Als der Papst den Teilnehmern eines Kreuzzugs einen Ablass versprach, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr: »Gott will es!«, riefen die Anwesenden und drängten sich sogleich, um vom Papst selbst ein weißes Kreuz zum Zeichen der Teilnahme an der Kreuzfahrt angeheftet zu bekommen.
 
 Der Bauernkreuzzug
 
Eigentlich galt der Kreuzzugsaufruf allein den christlichen Fürsten und Rittern, die sich einem geistlichen Anführer unterstellen sollten. Umherziehende Kreuzzugsprediger mobilisierten aber auch die kleinen Leute. Diese besaßen keine Vorstellung von den wirklichen Entfernungen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sie sich schon nach wenigen Tagesmärschen fragten, warum man eigentlich so weit gehen müsse, um die Feinde Gottes zu vernichten, wo doch die »Christusmörder«, die Juden, im eigenen Land saßen.
 
Den aus Frankreich kommenden Scharen, die bereits die Juden von Rouen erschlagen hatten, schlossen sich im Rheingebiet zahlreiche verarmte Adlige und andere Gruppen an. Unter Führung eines Grafen Emicho fielen sie über die großen jüdischen Gemeinden am Rhein her. Trotz der Gegenwehr der rheinischen Bischöfe vernichteten sie die blühenden Judengemeinden am Rhein von Speyer bis nach Xanten.
 
Dann zogen diese »Kreuzfahrer« nach Südosten weiter. Als sie in Ungarn dazu übergingen, ihren Unterhalt durch Raub und Plünderung zu sichern, wurde ein Teil von ihnen erschlagen. Andere gelangten im August 1096 unter der Führung Peters von Amiens nach Byzanz. Ihre Ungeduld führte zur Katastrophe: Als sie trotz der Warnungen der Byzantiner nach Kleinasien vorrückten, um dort den Kampf mit den Türken zu suchen, wurden sie von diesen fast ausnahmslos niedergemetzelt (Oktober 1096).
 
 Der Verlauf des 1. Kreuzzugs
 
So wie dieser Bauernkreuzzug ein Symptom einer tief gehenden Krise der Gesellschaft war, so ist auch der Zulauf des Adels zum ritterlichen Kreuzheer u. a. damit zu erklären, dass sich die wirtschaftliche Situation der kleinen adligen Grundbesitzer in Burgund, Lothringen und Nordfrankreich krisenhaft zugespitzt hatte. Die Bevölkerungsvermehrung hatte dazu geführt, dass nicht mehr alle Familienmitglieder ernährt werden konnten; viele Ritter zogen in den Orient, um dort Landbesitz zu erwerben.
 
Nach neunmonatigen Vorbereitungen marschierten zuerst die Franzosen im Herbst 1096 unter Führung des Bischofs Ademar von Le Puy und des Grafen Raimund von Toulouse ab; mit ihnen zogen nahe Verwandte der Könige von Frankreich und von England sowie als einziger Reichsfürst der Herzog von Niederlothringen, Gottfried IV. von Bouillon, und seine beiden Brüder. Aus Süditalien kamen kampfgeübte Normannen unter der Führung Bohemunds und Tankreds von Tarent.
 
Im Mai 1097 erreichte das Kreuzheer Konstantinopel. Wenig später begann der Vormarsch nach Kleinasien, wo sofort große militärische Erfolge erzielt wurden: Festungen wurden eingenommen, die Türken mehrfach im Felde besiegt. In Syrien musste Antiochia sieben Monate lang belagert werden (1097/98); durch Verrat wurde die hauptsächlich von Christen bewohnte Stadt genommen, und ein heranrückendes Entsatzheer der Muslime wurde geschlagen.
 
Kurz darauf starb Bischof Ademar von Le Puy, und damit brachen die bisher unterdrückten Gegensätze zwischen den christlichen Fürsten offen auf. Nur die Ungeduld der Truppen, die endlich Jerusalem erreichen wollten, brachte die streitenden Fürsten dazu, im Januar 1099 in Richtung Jerusalem aufzubrechen, das am 14. und 15. Juli 1099 erobert wurde. Dabei zeigten sich die Kreuzfahrer von ihrer abstoßendsten Seite: Sie plünderten und mordeten hemmungslos, so als ob die Anspannung der Entbehrungen und der Angst, die sie in dem fremden Land mit seiner fremdartigen Bevölkerung empfunden hatten, auf diese Weise ausgeglichen werden könne.
 
Die Kampfbereitschaft der Kreuzfahrer musste immer wieder angestachelt werden: Die berühmteste Episode ist die Auffindung der Lanze, mit der Christus am Kreuz in die Seite gestochen worden sein soll. Obwohl eine derartige Lanze bereits im Reliquienschatz von Konstantinopel lag, konnte ein Visionär namens Peter Bartholomaeus den Ort angeben, an dem die Lanze zu finden war. Dieser Fund bestärkte die Kreuzfahrer in einer verzweifelten Situation: Kurz nach dem Fall von Antiochia wurde man in der von Hunger geplagten Stadt selbst von einem muslimischen Ersatzheer eingeschlossen; die durch das »Wunderzeichen« neu entfachte Begeisterung verhalf den Kreuzfahrern zum Sieg. Auch bei der Belagerung von Jerusalem half eine Vision über einen Tiefpunkt hinweg; durch Fasten und Umzüge um die Stadt gewannen die Kreuzfahrer neuen Mut.
 
Nach der Eroberung von Jerusalem brach der Zwiespalt zwischen weltlichen Erfordernissen und religiösen Antrieben auf. Als man Graf Raimund von Toulouse die Krone eines Königs von Jerusalem anbot, lehnte er mit dem Hinweis ab, er wolle nicht König sein, wo Christus mit der Dornenkrone gekrönt worden sei. Er beabsichtigte mit dieser Antwort wohl auch, es den anderen Fürsten unmöglich zu machen, die Herrschaft über Jerusalem anzunehmen. Herzog Gottfried von Bouillon fand jedoch einen Ausweg; er nannte sich Vogt des Heiligen Grabes, war damit praktisch weltlicher Beherrscher der Stadt und hatte dennoch ihrem geistlichen Charakter Rechnung getragen. Erst seine Nachfolger nannten sich Könige von Jerusalem.
 
 Die Kreuzfahrerstaaten im 12. Jahrhundert
 
Der Erfolg des 1. Kreuzzugs mit der Eroberung Jerusalems und der Schaffung einer Reihe von christlichen Staaten in Syrien war möglich geworden, weil die islamischen Staaten des Vorderen Orients miteinander verfeindet waren. Vor allem der Gegensatz zwischen dem schiitischen Kalifat in Kairo und dem sunnitischen in Bagdad spielte dabei eine wichtige Rolle.
 
Für das Überleben der neuen christlichen Kleinstaaten im Nahen Osten war es unerlässlich, dass über die Häfen am Mittelmeer Nachschub aus Europa kommen konnte. Ohne Flotte konnten aber diese Küstenstädte nicht erobert werden. Daher war es entscheidend, dass die italienischen Seemächte — Genua, Pisa und Venedig — Flotten ins Heilige Land entsandten. Zwischen 1100 und 1111 gelang es den vereinten Anstrengungen der Kreuzfahrer und der Italiener, die Städte an der Küste Syriens, Libanons und Palästinas einzunehmen. Dabei wurden die muslimischen Einwohner grausam niedergemacht.
 
Auch im Landesinnern wurde die christliche Herrschaft konsolidiert, indem die Grenzen des Heiligen Landes im Nordosten bis zu den Höhen des Golans ausgedehnt wurden. Dort stießen die Christen auf die Machtsphäre von Damaskus. Im Osten reichte der christliche Einfluss nach Transjordanien hinein; die ehemals muslimischen Festungen zwischen Amman und Akaba wurden von den Christen ausgebaut und modernisiert. Damit beherrschten die Kreuzfahrer die Straße zwischen Damaskus bzw. Bagdad und Ägypten bzw. den Pilgerstätten von Mekka und Medina und damit die wichtigste Verkehrsader des Islams. Für die innere Entwicklung der Kreuzfahrerstaaten ist wichtig, dass es trotz der grausamen Exzesse bei der Eroberung zu einem Neben- und sogar Miteinander zwischen Christen und Muslimen kam. Größer als die Gegensätze zwischen den großen Religionen waren die Verschiedenheiten zwischen den zahlreichen Bekenntnissen innerhalb der Christen.
 
 
Zu den folgenreichsten Entwicklungen in der Zeit König Balduins II. von Jerusalem (1118—31) gehört die Entstehung der geistlichen Ritterorden, die eine neuartige Verbindung von monastischen Lebensformen mit einem zum Heidenkampf verpflichteten Rittertum darstellten. Die Mitglieder des Templerordens leisteten die Gelübde von Armut, Keuschheit und Gehorsam. Zusätzlich verpflichteten sie sich, die Pilger auf der Straße vom Hafen Jaffa nach Jerusalem zu schützen. Balduin II. wies den Templern den ehemaligen Tempel Salomos, also die Al-Aksa-Moschee, als Sitz an; von diesem Gebäude erhielten sie ihren Namen. Von den Zisterziensermönchen übernahmen sie als Tracht den weißen Mantel; um sich von diesen zu unterscheiden, versahen sie ihre Mäntel mit einem roten Kreuz. Der Johanniterorden war anfangs eine Vereinigung zur Pflege von erkrankten Pilgern; erst 1137 übernahm er zusätzlich Aufgaben des Grenzschutzes. Templer und Johanniter unterstanden dem Papst.
 
 Der 2. Kreuzzug
 
Der Widerstand der Muslime gegen die christlichen Staaten ging von Mosul (nördlich von Bagdad am Tigris gelegen) aus. Bereits 1113 stieß der Statthalter von Mosul zum See Genezareth vor und belagerte das Kreuzfahrerheer bei Tiberias. Dabei zeigten sich erstmals die Schwäche und Verwundbarkeit der Kreuzfahrer: Um den großen Heeren aus dem volkreichen Mesopotamien gewachsen zu sein, mussten bei einem ernsthaften Angriff praktisch sämtliche waffenfähigen Männer aufgeboten werden. Eine Niederlage konnte daher zugleich das Ende der christlichen Staaten bedeuten.
 
Die Eroberung von Edessa durch den Emir von Mosul 1144 war das Ereignis, das den Anstoß zum 2. Kreuzzug gab. Bernhard von Clairvaux vermochte mit seinen Werbepredigten sowohl den französischen als auch den deutschen König zur Kreuznahme zu begeistern. Obwohl die beiden Herrscher mit großen Heeren aufbrachen, wurde das Unternehmen ein völliger Fehlschlag. Konrad III. erlitt gegen die Türken eine schwere Niederlage, und auch die Franzosen waren nicht erfolgreich. Als die Reste der Kreuzheere 1148 die Kreuzfahrerstaaten erreichten, griffen sie Damaskus an, das die Christen als heilige Stadt verehrten, weil Paulus dort sein Bekehrungserlebnis hatte. Bis dahin hatte das neutrale Damaskus ein Vordringen der Herrscher von Mosul auf Jerusalem unmöglich gemacht. Der christliche Angriff trieb Damaskus nun in die Arme Mosuls; damit war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Jerusalem selbst bedroht wurde. Als nach dem Tode des letzten Kalifen von Ägypten 1171 der aus Mosul kommende Kurde Saladin dort die Macht ergriff und auch das islamische Syrien eroberte, war das Ende abzusehen.
 
 Der Fall von Jerusalem und der 3. Kreuzzug
 
Saladin schlug die Kreuzritter am 3. und 4. Juli 1187 bei Hattin westlich des Sees Genezareth vernichtend; damit war auch Jerusalem verloren, denn die Christen besaßen nun kein Heer mehr. Jerusalem fiel am 9. Oktober in die Hand der Muslime; Saladin ließ sofort alle Kreuze an den Kirchen entfernen und vor allem die christlichen Spuren am Felsendom und an der Al-Aksa-Moschee tilgen. Dem Siegeslauf Saladins widerstand nur die Stadt Tyrus.
 
Im Abendland rief die Katastrophe eine heftige Reaktion hervor. Nicht nur Kaiser Friedrich Barbarossa, sondern auch die Könige von Frankreich und England nahmen das Kreuz. Barbarossa wählte den Landweg; im Mai 1189 brachen unter der Führung des Kaisers etwa 20000 Ritter von Regensburg nach Osten auf; den Widerstand des oströmischen Kaisers und des türkischen Sultans von Konya konnte Barbarossa überwinden, und er hatte fast schon die Meeresküste erreicht, als er am 10. Juni 1190 im Fluss Saleph ertrank. Das deutsche Kreuzfahrerheer war aber nach dem Tod des Kaisers nicht mehr zu selbstständigen Aktionen fähig.
 
Die bestimmende Figur des 3. Kreuzzugs wurde jetzt Richard Löwenherz. Wie der französische König war auch Richard erst 1191 auf dem Seeweg ins Heilige Land gekommen. Im Juli 1191 konnte die bedeutende Hafenstadt Akko zurückerobert werden. Während der französische König anschließend wieder in seine Heimat zurückkehrte, errang Richard eine Reihe von Siegen und erreichte einen dreijährigen Waffenstillstand mit Saladin, durch den die Küste von Tyrus bis Jaffa wieder christlich wurde und der Pilgerweg nach Jerusalem wieder offen stand. Wenige Monate nachdem Richard Palästina verlassen hatte, starb Saladin im März 1193. Da sein Reich alsbald zerfiel, hatte die ungeheure Anstrengung des 3. Kreuzzugs immerhin zur Folge, dass der Restbestand der Kreuzfahrerstaaten für ein weiteres Jahrhundert gesichert war, obwohl es nicht gelungen war, Jerusalem zurückzuerobern.
 
 Papst Innozenz III. und der 4. Kreuzzug
 
Bereits am Beginn seines Pontifikats war Papst Innozenz III. entschlossen, in einem weiteren Kreuzzug dieses Ziel zu erreichen. Dabei wollte er jedoch nicht den Königen die Führung überlassen. Den Kreuzfahrern wurde ein vollkommener Nachlass aller Sündenstrafen versprochen, und den Geistlichen wurde auferlegt, ein Vierzigstel ihrer Einkünfte für den Kreuzzug abzuliefern.
 
Diesmal wollte man zuerst die Muslime in Ägypten angreifen und war dazu auf die Hilfe Venedigs angewiesen. Der betagte Doge Enrico Dandolo handelte für seine Stadt einen günstigen Vertrag aus: Nicht nur eine riesige Geldsumme (85000 Mark Silber), sondern auch die Hälfte der Eroberungen und der Beute sollte der Republik zufallen. Da die hohe Schifffahrtsgebühr trotz der Sondersteuern nicht aufgebracht werden konnte, schlug Dandolo vor, die Kreuzfahrer sollten durch Kriegsdienste ihre Schiffspassage abdienen. Die Kreuzfahrer zogen also — entgegen einem ausdrücklichen Verbot des Papstes — gegen die an der Adria gelegene Stadt Zadar, die zu Ungarn gehörte, dessen König selbst das Kreuz genommen hatte, eroberten, plünderten und zerstörten sie (November 1202).
 
Der Papst hatte auch ausdrücklich verboten, das Byzantinische Reich anzugreifen oder griechische Gebiete zu besetzen; das Verbot blieb aber unbeachtet. Die venezianische Flotte segelte mit den Kreuzfahrern nach Konstantinopel, das im Juli 1203 und nochmals 1204 erobert wurde. Dabei wurde eine ungeheure Beute gemacht. Als »lateinischer« Kaiser wurde von den Venezianern Balduin IX. von Flandern eingesetzt, dem aber nur ein Viertel des Reiches blieb. Die übrigen drei Viertel teilten sich die Venezianer und die Kreuzfahrer auf. Venedig erhielt u. a. die östliche Adriaküste und eine Anzahl von Inseln als Stützpunkte für Handelsfahrten im östlichen Mittelmeer; zahlreiche französische Adlige errichteten Herrschaften in Mittelgriechenland und auf der Peloponnes.
 
Der Papst hoffte, durch diese Eroberungen könnte die Christenheit wieder vereint und später auch Jerusalem erobert werden. An die Wiedergewinnung der heiligen Stätten war jedoch nicht zu denken, vielmehr brauchte das Lateinische Kaiserreich selbst Hilfe, um sich gegen innere Unruhen, gegen die Bulgaren und gegen das neu entstandene byzantinische Kaiserreich zur Wehr zu setzen.
 
 Der Kinderkreuzzug und der 5. Kreuzzug
 
Im Juni 1212 trat in einem Dorf bei Vendôme ein Hirtenjunge namens Stephan auf, der von sich behauptete, er sei bestimmt, die Christen ins Heilige Land zu führen. Hauptsächlich Kinder, aber auch Erwachsene schlossen sich ihm an; angeblich 30000 Personen gelangten nach Marseille, wo sie von Schiffen aufgenommen und in Ägypten als Sklaven verkauft wurden. Auch in Deutschland trat damals ein junger Mann namens Nikolaus auf, dem 20000 Jungen und Mädchen über die Alpen gefolgt sein sollen. Der Bischof von Brindisi war so vernünftig, den Kindern die Abreise in den Osten zu verbieten; die Deutschen endeten daher nicht als Sklaven im islamischen Bereich, gingen aber im Westen zugrunde. Dass es zu solchen Unternehmungen kommen konnte und sich ihnen — mit wenigen Ausnahmen — weder die weltliche noch die geistliche Obrigkeit entgegenstellte, hing damit zusammen, dass schon bei der Propaganda für den 4. Kreuzzug der Armutsgedanke herausgestellt worden war. Nur unschuldige und waffenlose Kinder — so meinte man — könnten Jerusalem wiedergewinnen.
 
Unter Papst Honorius III. wurde der 1215 beschlossene Kreuzzug verwirklicht. Sein Hauptstoß richtete sich gegen Ägypten. Dort sollte der am Nil gelegene Hafen Damiette erobert werden, was auch für kurze Zeit gelang (1219) ; aber das ganze Unternehmen endete unglücklich. Die hochfliegenden Pläne zur Eroberung Kairos scheiterten. Die päpstliche Propaganda machte Kaiser Friedrich II. für das Scheitern verantwortlich, weil er 1221 nicht entsprechend seinem Gelübde nach Ägypten gezogen war.
 
 Friedrich II. gewinnt Jerusalem ohne Kampf
 
Papst Gregor IX. mahnte den Kaiser schon gleich nach seiner Wahl, sein 1215 abgegebenes Kreuzzugsversprechen endlich einzulösen. Als dann auch das im Sommer 1227 in Brindisi zur Abfahrt bereite Heer nicht losfuhr, weil der Kaiser an einer Seuche erkrankt war, sprach der Papst den Bann über Friedrich II. aus.
 
Im Gegenzug machte Friedrich bekannt, er werde im Mai 1228 nach Osten aufbrechen. Im September 1228 erreichte seine Flotte Akko; aber der Papst untersagte den Kreuzfahrern, dem gebannten Kaiser Gehorsam zu leisten, sodass Friedrich seine Befehle »im Namen Gottes und der Christenheit« ausgeben musste. Obwohl das Heer der Christen nur klein war und also nicht als Druckmittel eingesetzt werden konnte, brachte Friedrich einen Vertrag mit Sultan al-Kamil zustande, der den Christen einen beträchtlichen Teil des Königreichs Jerusalem auf zehn Jahre zusicherte. Obwohl die Muslime den Tempelplatz mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee in ihrer Hand behielten, hatte Friedrich II. mit dieser Übereinkunft mehr erreicht als alle Kreuzzüge seit 1187. Aber in Rom war man nicht zufrieden. Den Patriarchen von Jerusalem, der ein fanatischer Sarazenenhasser war, störte besonders, dass eine islamische Enklave in der Heiligen Stadt erhalten geblieben war und dass die Gebiete in der Umgebung von Jerusalem, in denen der größte Teil des Besitzes seiner Kirche lag, nicht zu dem an die Christen ausgelieferten Landesteil gehörten. Er beschimpfte Friedrich II. als »Schüler Mohammeds«. Diese Angriffe gründeten darauf, dass der Kaiser mit Muslimen verkehrte und seine gesamte Leibwache dem Islam anhing. Nach dem Ablauf des Waffenstillstands machten die Christen Anstrengungen, Jerusalem zu halten; es ging aber 1244 endgültig verloren.
 
 Die Kreuzzüge Ludwigs des Heiligen
 
Im Dezember 1244 nahm der französische König Ludwig IX. das Kreuz. Nach gründlicher Vorbereitung segelte er im August 1248 vom eigens dafür angelegten Hafen Aigues-Mortes in der Provence ab, um zuerst auf Zypern zu überwintern und dann Ägypten anzugreifen. Obwohl der ägyptische Sultan Zeit genug gehabt hatte, um die Verteidigung seines Landes zu organisieren, gab er relativ rasch die Hafenstadt Damiette preis. Hier begründete Ludwig ein Erzbistum, in der Hoffnung, bald ganz Ägypten erobern zu können. Der Vormarsch nach Kairo wurde aber gestoppt; der König und viele Kreuzfahrer gerieten in Gefangenschaft. Damiette musste gegen die Person des Königs ausgetauscht werden. Nach diesem Misserfolg kehrte Ludwig nicht sofort nach Frankreich zurück, sondern fuhr zu Schiff nach Akko, von wo aus er die christlichen Befestigungen wieder instand setzte. 1270 unternahm Ludwig der Heilige einen weiteren Kreuzzug, der diesmal nach Tunis führte, doch erlag der König im August desselben Jahres einer Seuche; sein Bruder Karl von Anjou, der Herrscher über Unteritalien und Sizilien, besiegte zwar den dortigen Emir, gab sich aber mit Tributzahlungen zufrieden; weitere Ziele als Kreuzfahrer verfolgte er nicht.
 
Die Kreuzzugsbewegung war mit dem Fall Akkos, das als letzte Bastion im Heiligen Land 1291 von den Muslimen erobert wurde, nicht beendet. Im 14. und 15. Jahrhundert gab es nicht nur immer wieder Schriften, die zum Kreuzzug aufriefen, sondern es wurden auch mehrere Versuche unternommen, die einstmals christlichen Gebiete des Nahen Ostens wieder zu erobern, jedoch ohne Ergebnis.
 
Prof. Dr. Wilfried Hartmann
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Ketzer im Mittelalter: Der eine Glaube?
 
 
Großer Bildatlas der Kreuzzüge, herausgegeben von Jonathan Riley-Smith. Aus dem Englischen. Freiburg im Breisgau u. a. 1992.
 
Handbuch der Kirchengeschichte, herausgegeben von Hubert Jedin. Band 2 und 3. Sonderausgabe Freiburg im Breisgau u. a. 1985.
 Mayer, Hans Eberhardt: Geschichte der Kreuzzüge. Stuttgart u. a. 81995.
 Oldenbourg, Zoé: Die Kreuzzüge. Traum und Wirklichkeit eines Jahrhunderts. Aus dem Französischen. Frankfurt am Main 1967.
 Prawer, Joshua: Die Welt der Kreuzfahrer. Aus dem Englischen. Taschenbuchausgabe Bergisch Gladbach 1979.
 Runciman, Steven: Geschichte der Kreuzzüge. Aus dem Englischen. Taschenbuchausgabe München 1995.

Universal-Lexikon. 2012.

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